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Generationen im Lehrerzimmer: Wie altersgemischte Kollegien gut zusammenarbeiten

Autorenbild: Bettina Kuschey
Bettina Kuschey
4. Apr. 2025
5 Min. Lesezeit

Ein neues digitales Werkzeug soll im Unterricht eingesetzt werden. Ein Teil des Kollegiums möchte es gleich ausprobieren, andere wollen zuerst klären, welchen pädagogischen Nutzen es hat und wie viel zusätzliche Arbeit damit verbunden ist. Schnell fällt ein Satz wie: „Das ist eben eine Generationenfrage.“


Das klingt nach einer einfachen Erklärung. Meist greift sie zu kurz.


In einem Lehrerzimmer treffen Menschen mit unterschiedlichem Alter aufeinander. Gleichzeitig unterscheiden sie sich in ihrer Berufserfahrung, ihren Aufgaben, ihrer Ausbildung, ihren privaten Verpflichtungen und ihren bisherigen Erfahrungen mit Veränderungen. Wer diese Unterschiede vorschnell in „jung“ und „alt“ einteilt, übersieht oft, worum es im konkreten Konflikt wirklich geht.


Warum „jung gegen alt“ zu einfach ist


Generationenbegriffe geben Orientierung. Sie fassen viele Menschen unter einem Namen zusammen und versprechen eine schnelle Erklärung: Die einen seien digitaler, die anderen erfahrener. Die einen wollten alles verändern, die anderen am Bewährten festhalten.


Die Forschung stützt solche eindeutigen Zuschreibungen jedoch nicht. Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten zeigen, dass vermeintliche Generationenunterschiede schwer von Alter, Lebensphase und gesellschaftlichen Veränderungen zu trennen sind. Menschen derselben Generation können sich ebenso stark voneinander unterscheiden wie Menschen verschiedener Generationen.


Für den Schulalltag bedeutet das: Das Geburtsjahr allein erklärt nicht, warum jemand ein digitales Tool ablehnt, häufig Rückfragen stellt oder auf einer bestimmten Arbeitsweise besteht. Vielleicht fehlt eine verständliche Einführung. Vielleicht gab es schon mehrere Projekte, die nach kurzer Zeit wieder verschwunden sind. Vielleicht ist die Arbeitsbelastung gerade besonders hoch. Oder es ist schlicht noch nicht geklärt, welches Problem die Neuerung lösen soll.


Was im Lehrerzimmer tatsächlich aufeinandertrifft


Altersgemischte Kollegien bringen unterschiedliche Erfahrungen mit. Eine Lehrperson kennt vielleicht die Entwicklung der Schule, frühere Reformen und viele Familien seit Jahren. Eine andere hat aktuelle Methoden aus Ausbildung oder Fortbildung im Gepäck. Manche übernehmen informell viel Verantwortung, andere sind neu im System oder in ihrer Rolle.


Spannungen entstehen häufig dort, wo diese Unterschiede nicht benannt werden:


  • Wer entscheidet, welche Neuerungen übernommen werden?

  • Wessen Erfahrung wird gehört?

  • Wie viel Zeit darf Einarbeitung brauchen?

  • Welche Aufgaben werden sichtbar verteilt und welche bleiben an Einzelnen hängen?

  • Was ist an der Schule verbindlich und wo besteht persönlicher Spielraum?


Das sind Fragen zu Rollen, Verantwortung und Zusammenarbeit. Werden sie als Generationenproblem behandelt, bleibt der eigentliche Klärungsbedarf bestehen.


Wo Unterschiede im Schulalltag sichtbar werden


Besonders deutlich werden verschiedene Arbeitsweisen bei Kommunikation, Dokumentation und Veränderungsprozessen. Einige möchten Absprachen rasch in einer Messenger-Gruppe treffen, andere bevorzugen E-Mail oder ein persönliches Gespräch. Manche probieren neue Unterrichtsmethoden früh aus, andere wollen zuerst Beispiele und einen klaren Ablauf sehen.


Keine dieser Haltungen ist automatisch fortschrittlich oder rückständig. Entscheidend ist, ob das Kollegium eine gemeinsame Form findet, die für die konkrete Aufgabe funktioniert.


Ein typischer Konflikt lautet daher nicht: „Jüngere und ältere Lehrpersonen verstehen einander nicht.“ Er lautet eher: „Wir haben nicht geklärt, über welchen Kanal wichtige Informationen laufen, wer eine Entscheidung trifft und wie wir Rückmeldungen einholen.“ Diese Formulierung macht das Problem bearbeitbar.


Erfahrung weitergeben und neue Perspektiven zulassen


Erfahrung ist für Schulen wertvoll, wenn sie zugänglich wird. Das geschieht nicht automatisch durch Dienstjahre. Wissen über Abläufe, Elternkommunikation, schwierige Situationen oder frühere Schulentwicklungsprozesse muss weitergegeben werden können.


Genauso brauchen neue Perspektiven Raum. Neue Kolleg:innen sehen Routinen oft mit einem anderen Blick. Sie stellen Fragen, die im Alltag lange nicht mehr gestellt wurden, und bringen andere Methoden oder technische Kenntnisse mit.


Hilfreich ist ein Austausch, der nicht nach Alter sortiert, sondern nach konkreten Kompetenzen und Fragen:


  • Wer hat Erfahrung mit dieser Situation?

  • Wer kann einen neuen Zugang zeigen?

  • Was hat sich bisher bewährt – und unter welchen Bedingungen?

  • Was möchten wir gemeinsam ausprobieren?

  • Wann überprüfen wir, ob es funktioniert?


So wird Zusammenarbeit wechselseitig. Eine Person ist nicht nur die Erfahrene, die Wissen weitergibt, und die andere nicht nur die Neue, die lernen soll. Je nach Thema wechseln diese Rollen.


Digitalisierung ohne Generationenstereotype besprechen


Beim Thema Digitalisierung sind Zuschreibungen besonders schnell zur Hand. Jüngere Menschen gelten als selbstverständlich kompetent, ältere als skeptisch oder überfordert. Auch das ist zu pauschal.


Private Nutzung digitaler Medien bedeutet nicht automatisch, dass jemand digitale Werkzeuge pädagogisch sinnvoll einsetzen kann. Umgekehrt kann eine kritische Haltung auf viel Erfahrung und einer genauen Abwägung beruhen. Ein Kollegium kommt weiter, wenn es nicht über vermeintliche Eigenschaften von Altersgruppen spricht, sondern über konkrete Voraussetzungen:


  • Welchen Nutzen hat das Werkzeug für Unterricht oder Organisation?

  • Welche Kenntnisse brauchen alle Beteiligten?

  • Welche Unterstützung ist verfügbar?

  • Wie werden Datenschutz, Zugänge und Zuständigkeiten geklärt?

  • Welche bisherige Arbeitsweise fällt dafür weg?


Die letzte Frage ist besonders wichtig. Wenn jede Neuerung nur zusätzliche Arbeit erzeugt, ist Widerstand keine Altersfrage, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf Überlastung.


Was Schulleitung und Kollegium klären können


Zusammenarbeit braucht verlässliche Strukturen. Dazu gehören klare Kommunikationswege, nachvollziehbare Entscheidungen und Zeit für fachlichen Austausch.


Die Ergebnisse von TALIS 2024 zeigen einen Zusammenhang zwischen professioneller Zusammenarbeit und wichtigen Aspekten des Schulalltags, etwa höherer Selbstwirksamkeit von Lehrpersonen und einer größeren Wahrscheinlichkeit, Unterrichtsziele zu erreichen. Gleichzeitig findet vertiefte Zusammenarbeit, wie gegenseitige Unterrichtsbeobachtung mit Feedback, in vielen Schulen selten statt. Das ist kein Beweis für eine einfache Ursache-Wirkung-Beziehung. Es zeigt aber, dass Zusammenarbeit mehr braucht als guten Willen.


Für ein altersgemischtes Kollegium sind vor allem diese Vereinbarungen hilfreich:


  1. Verbindliche Kommunikationswege: Welche Informationen gehören wohin? Was muss dokumentiert werden?

  2. Klare Entscheidungsräume: Was entscheidet die Schulleitung, was eine Arbeitsgruppe und was das gesamte Kollegium?

  3. Geplanter Wissenstransfer: Wo wird Erfahrungswissen weitergegeben, bevor Personen Aufgaben abgeben oder die Schule verlassen?

  4. Erprobungsphasen mit Auswertung: Was testen wir, wie lange und anhand welcher Kriterien?

  5. Gespräche über Arbeitsweisen: Was brauchen Kolleg:innen, um gut arbeiten zu können, und wo entstehen Reibungen?


Solche Vereinbarungen helfen allen. Sie setzen nicht voraus, dass Menschen eines bestimmten Alters dieselben Bedürfnisse haben.


Gute Zusammenarbeit entsteht durch gemeinsame Erfahrung


Ein Kollegium wird nicht dadurch zum Team, dass alle ähnlich denken oder gleich arbeiten. Entscheidend ist, wie Unterschiede besprochen und für gemeinsame Ziele genutzt werden.


Wenn Konflikte auftreten, lohnt sich deshalb ein genauer Blick: Geht es wirklich um Alter? Oder fehlen Klarheit, Mitsprache, Zeit, Wissen oder eine gemeinsame Entscheidung?


Diese Fragen führen weg von Etiketten und hin zu dem, was Schulen konkret gestalten können. Unterschiedliche Berufserfahrungen werden dann nicht zum vermeintlichen Generationenkonflikt, sondern zu einer Ressource für das Kollegium.


Quellen und Weiterlesen





Wer schreibt hier?


Bettina Kuschey, Teambuilderin und Trainerin für Unternehmen und Schulen


Ich bin Bettina Kuschey – Teambuilderin und Trainerin für Unternehmen und Schulen.


Nach rund 20 Jahren in Unternehmen und Konzernen, davon zehn Jahre als Führungskraft, kenne ich die Herausforderungen guter Zusammenarbeit aus der Praxis.


Heute unterstütze ich Teams, Schulklassen und Pädagog:innen dabei, Kommunikation zu verbessern, Konflikte anzusprechen und ein starkes Miteinander zu gestalten.


Als Medienpädagogin begleite ich Schulen außerdem dabei, Kinder und Jugendliche für einen sicheren und verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien zu stärken.


In meinem Blog teile ich Erfahrungen, Hintergründe und konkrete Impulse aus meiner Trainingspraxis.


Zusammenarbeit im Kollegium konkret stärken


In einem Teamtag können Kollegien unterschiedliche Arbeitsweisen sichtbar machen, Kommunikationswege klären und verbindliche Vereinbarungen für die Zusammenarbeit entwickeln.


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